Oops - Kunst auf Plattencovern
Der vorliegende Katalog dokumentiert den Schöppinger Beitrag zum landesweiten Jugendkulturprojekt "NEWS FOR YOUTH" des Kultursekretariats NRW Gütersloh. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um ein Ausstellungsprojekt, das vom Künstlerdorf Schöppingen mit Schülerinnen und Schülern der hiesigen Hauptschule durchgeführt wurde. Zwei grundlegende Ziele verfolgte das Projekt. Zum einen wollte es den Nachweis führen, dass die Geschichte der Pop- und Rockmusik maßgeblich auch eine Geschichte ihrer ästhetischen Inszenierung beinhaltet. Diese weist - so unsere These - in nicht unbedeutenden Kapiteln Querbezüge zur bildenden Kunst der sog. E- oder Hochkultur auf. Das beispielhaft darzulegen verfolgt die gemeinsam mit der Schule und dem Künstlerdorf Schöppingen vorbereitete und durchgeführte Ausstellung. In ihr werden Plattencover und Reproduktionen von Kunstwerken miteinander verglichen. Der Katalog belegt diesen Kontext. Zum zweiten sollten Schülerinnen und Schüler der hiesigen Hauptschule praktische Arbeiten zu dem genannten Thema erstellen. Hierbei diente die zitierte Ausstellung sozusagen als Anregung, theoretisches Rüstzeug und Reflexionsmoment, um die eigene kreative bildnerische Gestaltung im Zusammenhang der Rock- und Popmusik zu aktivieren. Die Schülerinnen und Schüler haben selbst Cover gestaltet. Diese haben als ein Ausstellungssegment Eingang in die gesamte Ausstellung gefunden. Beispielhaft sind einige von ihnen im Katalog abgedruckt worden. Letztendlich ging es also darum, sowohl überraschende Einsichten zu evozieren als auch spannende Kreationen zu schaffen. Die angestrebte Verbindung von Theorie und Praxis sollte auch dadurch erreicht werden, dass mit den Jugendlichen - so unterstellt - in ihrem ureigensten Terrain, nämlich der Rock- und Popmusik, gearbeitet wurde. Zu den einzelnen Kapiteln des Kataloges sind einige Anmerkungen zu machen. Grundsätzlich spiegelt allein die Menge der folgenden Unterteilungen die überraschende Vielfalt der Querbezüge zwischen Pop- und Rockmusik auf der einen und der bildenden Kunst auf der anderen Seite wider. Der Vergleich wird bei dem angestrebten Nachweis dieser Verbindung als methodisches Prinzip - soweit sinnvoll - konsequent angewendet. Er beschränkt sich ebenso wie die reine Dokumentation auf Beispiele, die Grundsätzliches deutlich machen sollen.
Diese Beispiele lassen sich beinahe beliebig vergrößern. Tendenziell ist aber festzustellen, dass der Einfluß der bildenden Kunst auf die Gestaltung von Covern insbesondere seit der zweiten Häflte der sechziger Jahre deutlicher hervortritt. Waren es vorher Gruppen oder Einzelinterpreten, mit deren Abbildung auf den Covern "geworben" wurde, so verstärkt sich ab ca. 1966/67 das Interesse an einer "entpersonalisierten" Gestaltung. Diese Tendenz erreicht bereits früh mit dem sog. "Weißen Album" (1968) der Beatles einen signifikanten Ausdruck. Es scheint so, dass das Eindringen der Alltagskultur mit dem Siegeszug der Pop-Art in die Bereiche der sog. Hochkultur umgekehrt auch eine stärkere Diffusion ermöglicht hat. Dabei sind die "Kunstcover" nicht nur eine Werbemaßnahme zum Verkauf der Ware Musik. Häufig stehen Verpackung und Inhalt in einer engen Beziehung. Diese geht über die reine "Veredelung" der Musik durch die Kunst auf den Covern insofern weit hinaus als beide häufig als Ausdruck eines Lebensgefühls verstanden werden. So verwundert es kaum, das beispielsweise Platten der psychedelischen Ära von T. Leary oder Man äußerlich mit Op-Art-Wahrnehmungseffekten werben oder Avantgarde-Gruppen wie S.Y.P.H u.a. Kreationen von Imi Knoebel oder A.R.Penck auf den Schallplatten- bzw. CD-Hüllen zeigen. Hinsichtlich der Abbildungen sei noch angemerkt, dass ihre Qualität gerade bei den Plattencovern eng mit dem Erhaltungsgrad der Vorlagen korrespondierte.
Da in der Regel Originale als Vorlage verwendet wurden sind mitunter deutliche Altersspuren auch als Beleg für Gebrauch und auratischen Charakter sichtbar. Die Cover wurden zumeist in der chronologischen Reihenfolge ihres Erscheinens abgebildet. Nicht immer konnte allerdings das genaue Erscheinungsjahr ermittelt werden. Gleiches gilt für das Bemühen, die Gestalter der Cover namentlich aufzuführen. Der Katalog gliedert sich in die drei kulturgeschichtlichen Teile "Künstlerische Vorlagen", "Einflüsse und Wechselbeziehungen" und "Rockmusik und Bildfindung" und den Abbildungsteil mit praktischen Arbeiten von Schülern. Die kulturgeschichtlichen Teile sind wiederum in verschiedene Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel sind Platten- bzw. CD-Cover abgebildet, auf denen Kunstwerke verschiedenster Stilrichtungen und Zeiten von den Gestaltern einfach übernommen wurden. Aus naheliegenden Gründen machte hier eine zusätzliche Abbildung der Vorlage keinen Sinn. Deutlich wird, dass das Prinzip der direkten Übernahme sich durch die gesamte Pop- und Rockgeschichte zieht. Bestimmte Vorlieben hinsichtlich Stil oder Epoche sind dabei nicht erkennbar, wohl aber das Interesse - anscheinend auch der Musiker - an einer gewissen Kontextuali-sierung der Musik. Verbindungen von Atomic Roosters "Death Walks Behind You" und William Blakes "Nebukadnezar" lassen sich ebenso problemlos herstellen, wie die zwischen der Abwärts-Platte "Ich seh die Schiffe ..." und dem auf ihrer LP abgebildeten Gemälde "Das Eismeer" von C.D. Friedrich. Anknüpfend daran werden im zweiten Kapitel einige Cover-Beispiele vorgestellt, auf denen Meisterwerke der Kunstgeschichte nachgestellt und durch die Integration der Musiker verfremdet werden. Rod Stewart etwa bereichert den "Tanz im Moulin des la Galette" von Renoir und Bow Wow Wow genießen das "Frühstück im Freien" von Manet. In den nachfolgend präsentierten Covern des dritten Kapitels reduziert sich die Präsenz der bildenden Kunst weiter. Lediglich Zitate aus meist berühmten Gemälden und Graphiken tauchen auf den Covern auf, etwa die "Venus" von Botticelli bei Aphrodite´s Child oder die vielfältigen Hieronymus-Bosch-Zitate bei Ray Manzareks "Carmina Burata".

Waren im ersten Teil die Nachweise über die enge Verbindung von Covergestaltung und bildender Kunst zweifelsfrei, da durch ganze oder teilweise Übernahme von Kunstwerken belegbar, so kommen im zweiten Teil auch spekulative Momente zum Tragen. Wie sehr das Prinzip Evidenz dabei funktioniert, bleibt letztendlich dem Betrachter überlassen. Zunächst geht es um Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen hinsichtlich von Gestaltungsprinzipien in den genannten Bereichen. Es werden also weniger Motive und Inhalte miteinander verglichen als Stile. Insbesondere Vergleiche zwischen verschiedenen Plattencovern und Werken des Symbolismus, des Jugendstils, des Kubismus, des "Blauen Reiters", der Pop- und der Op-Art sollen den Einfluß der bildenden Kunst auf die Rock- und Popmusik belegen. Umgekehrt aber läßt sich gerade für die zuletzt genannten Bereiche der Pop- und Op-Art auch über Wechselbeziehungen spekulieren. Nicht immer ist die Frage nach dem "eher" eindeutig beantwortbar und die Übergänge scheinen zuweilen fließend. Das darauffolgende Kapitel enthält ebenfalls spekulative Momente. Es werden nämlich Cover vorgestellt, die hinsichtlich gesamter Motiv-komplexe oder einzelner, aber tragender Bildmotive nach unserem Dafürhalten erstaunliche Berührungspunkte, wenn nicht gar Parallelen zu Werken der bildenden Kunst aufweisen. Das Cover der Platte "Undercurrent" von Jim Hall und Bill Evans etwa übernimmt das wesentliche Motiv von John Everett Milais "Ophelia" und die Komprimierung von Schrottteilen auf "Stomp 442" (Anthrax) erinnert stark an die Arbeiten von César. Ob diese Kunstwerke aber tatsächlich und vor allem bewußt als Vorlage der Covergestaltung gedient haben, soll und kann hier allerdings nicht erörtert werden. Im letzten Teil wird der enge Zusammenhang von Rockmusik und künstlerischem Schaffen nachgewiesen. Zunächst werden Cover vorgestellt, die von Rock- und Popmusikern wie etwa Joni Mitchell, Bob Dylan oder John Lennon selbst gestaltet wurden. Anschließend werden Cover gezeigt, die umgekehrt von bedeutenden Künstlern wie etwa Richard Hamilton, Andy Warhol, A.R. Penck oder Imi Knoebel eigens entworfen wurden. Zu guter Letzt werden noch einige Kunstwerke präsentiert, die unabhängig vom Motiv der Covergestaltung sich dem Phänomen "Rock- und Popmusik" widmen. Sie sollen beispielhaft deutlich machen, dass der genannte Bereich auch und nicht zuletzt zu einem wichtigen Thema der bildenden Kunst geworden ist. Wie wichtig, das zeigt der letzte Vergleich eines Clash-Covers und Middendorfs Gemälde "Red Singer". Letzteres weist insbesondere hinsichtlich der Komposition deutliche Anlehnungen an das Cover auf, gleichwohl es doch später entstanden ist. Im vierten Teil der Projektdokumentation sind ausgewählte Arbeiten von Schülerinnen und Schülern der Schöppinger Hauptschule dokumentiert, die den oben beschriebenen Kontext aufgenommen und verarbeitet haben, um zu eigenen Kreationen zu kommen. Insbesondere ging es darum, anhand von Vorbildern aus der Kunstgeschichte, deren Stile und Motive aufzunehmen, verfremdend zu verarbeiten und letztlich somit eine zwar entlehnte Bildwelt eigenständig weiterzuentwicklen. Wünschenswert wäre aus unserer Sicht eine Weiterarbeit an dem konkreten Thema, das längst nicht ausgeschöpft ist und bis in unsere unmittelbar Gegenwart Forschungsfelder eröffnet. Vielleicht kann das Projekt aber darüber hinaus auch als Modell wirken, wie sich scheinbar verschiedene Lebenswirklichkeiten im Bereich der Jugendkultur doch vergleichsweise ungezwungen und sinnstiftend miteinander verbinden lassen. Zum Schluss sei Dank gesagt. Bedanken möchte ich mich insbesondere beim Kultursekretariat NRW Gütersloh, dass die Jugendkultur in diesem Jahr zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht und unser singuläres Projekt finanziell hervorragend abgefedert hat. Danken möchte ich von der Schöppinger Hauptschule Rektor Harald Hausman und den Lehrerinnen Barbara Beckmann und Lisa Langhorst-Meuter für die umfassende Hilfe bei der Durchführung des Projektes und das tatkräftige Engagement vor Ort. Gleiches gilt für die Schülerinnen und Schüler der genannten Schule. Dank gesagt sei last but not least Heinz Kock, Manuela Lindenbaum und Gordon Trautmann für viele Anregungen, fotografische, redaktionelle und sonstige Mitarbeit.
Josef Spiegel

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