Stiftung  Künstlerdorf  Schöppingen

 

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||"M y t h e n   d e s  A l l t a g s"||
Gefördert vom Kultursekretariat NRW-Gütersloh und dem 
Ministerium für Arbeit, Soziales, Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW 
Kunst    ........   Literatur
Literatur  .......   Kunst

Beate Daniel
Judith Gaida
Matthias Hammer
Markus Kleine-Vehn
Kirsten Krüger
Konstantin Lange
Bettina Meyer
Rolf Wicker

Karen Duve
Beatrix Haustein
Hendrik Rost
Styles Sass
Alexej Schipenko

 
 
Rolf Wicker
Unwetterkapelle
Rolf Wicker :::::::::::::::::::
:::::::::::::::::: Beatrix Haustein
 

Beatrix Haustein
Im Mantel

 
IM MANTEL ........................................................................
........................................................................ Der Bedeutungsübergang von „kleiner Mantel" zu „Kapelle" stammt aus der Zeit der fränkischen Könige. Diese bewahrten den „Mantel" desheiligen Martin von Tours als Reliquie in einem privaten Heiligtum auf, das danach seinen Namen (capella) erhielt, (aus: DUDEN 7, Etymologie, 1989)
wir sprechen hier kaum
über das was uns herführte
manchmal sprechen wir ein gebet
auch ohne gott
dann wieder eine weile nichts

manchmal sah ich hinter
deinen äugen deine religion
du bewahrst sie auf wie reliquien
andere habe ich gesehen die trugen
ihre wie einen mantel
das konnte man sehen

hier singt man keine choräle
auch gibt es keine liturgien
hier kann man allein sein
und meinen die wände würden atmen

wir sitzen die stillen momente
und gehn lange nicht hinaus
wie nachtfalter verbrennen wir uns
die flügel an der altarkerze
vor der tür laufen die wege
in verschiedene richtungen

.......................................................................
Eine Invasion von wilden Kaninchen in die Kapelle führte dazu, dass die Geistlichkeit die Kapelle vorübergehend verschloss.

Beatrix Haustein


 
 
 
 
 
 
Markus Kleine-Vehn
My home is my Todesstern
Animation-Stills
Markus Kleine-Vehn ::::::::::::::
:::::::::::::::::::::: Styles Sass
Styles Sass
Wendepunkt
aus: Mehr als diese wenigen Tage
Wendepunkt

Wir stehen beim Buffettisch, der mit allerlei Arten von
lecker aussehenden Hors d'oeuvres bedeckt ist. Alle drei
halten wir breite, niedrige Gläser in den Händen. In An-
betracht der karamelartigen Farbe nehme ich an, es sei
Whiskey on Ice. Sie hat ein elegantes Abendkleid an und
sieht leicht und schön aus. Es ist offensichtlich, daß sich
der andere Mann für sie interessiert. Er versucht intelli-
gent zu klingen und sie mit seinem ausgeprägten Interes-
se an etwas, das seit mehreren Tagen Schlagzeilen macht,
zu beeindrucken. Ich betrachte das kühl, greife mir ein
kleines, viereckiges Stück Brot mit einer Krabbe drauf,
und stecke es mir bedächtig in den Mund. Genau als er in
seiner Argumentation auf den Punkt kommt, lasse ich ein
»Mmmh« los. Ich erwecke ihre Aufmerksamkeit, und sie
versucht erfolglos, ein Lächeln zu unterdrücken. Das
ärgert ihn, aber er versucht, mir keinerlei Aufmerksam-
keit zu widmen - er wiederholt seine Aussage in Form
einer Frage, die er direkt an sie richtet. Sie fängt an höflich
zu antworten, sagt, sie sei nicht ganz einverstanden, aber
es ist klar, daß es sie nicht im geringsten interessiert.
Als sie fertig ist, nehme ich einen Kräcker, diesmal mit
Olivenpaste, und hebe ihn hoch, verwende ihn als komi-
sche Metapher für das, was in seiner Begründung nicht
stimmt. Sie bricht in Gelächter aus und lächelt mir zu, ich
aber verhalte mich weiterhin gleichgültig. Er sieht ent-
täuscht aus, und ich kichere in mich hinein, stelle fest, wie
alles sich mühelos zu meinen Gunsten entwickelt. Ich
fühle mich wie ein Profi auf dem Höhepunkt seines Spiels
und weiß, ich kann nicht verlieren. Er ist kein Konkur-
rent; und übrigens ist sie viel zu schlau für ihn. Plötzlich
öffnet sich die Türe zum Cockpit und eine junge Ste-
wardeß stürmt heraus, schreit: »Captain! Captain! Die
Instrumente arbeiten nicht sauber. Wir fliegen auf die

 

Stadt zu und haben längst nicht genug Höhe!« Ich laufe
ins Cockpit, überfliege das Armaturenbrett und sehe, daß
keine einzige Anzeige stimmt. Sicht auf einen Wolken-
kratzer, er füllt die Windschutzscheibe ganz aus, während
wir stracks auf ihn zufliegen. Mir fällt auf, daß das ganz
einem Hollywoodfilm gleicht, als aber das Gebäude grö-
ßer und größer wird, finde ich es überflüssig, weiter nach-
zudenken, ob ich träume oder nicht. Ich springe in den
Pilotensessel und greife nach dem Steuerknüppel, ziehe
ihn an mich, so heftig ich kann. Die Flugzeugnase hebt
sich, aber nur langsam, und das Gebäude nähert sich
rasch. Ich fluche und frage mich laut, warum sie diese
Dinger so hoch bauen müssen. Ich ziehe weiter am Knüp-
pel, so stark ich kann. Von hier oben sieht die Silhouette
der Stadt im schwindenden Sonnenlicht ziemlich seltsam
aus. Wolkenkratzer verschiedener Größe ragen wie prä-
historische Kristalle aus dem Boden; erstarrt; als wäre da
unten alles Leben ausgestorben. Erstmals fühle ich das
ganze Gewicht und die Größe des Flugzeugs sowie die
Schwierigkeit einer Richtungsänderung. Eine Menge von
Passagieren hat sich hinter mir versammelt und ein Mann
murmelt vor sich hin: »Komm schon, Junge, komm
schon, geh rauf«, aber während ich mit jedem Gran der
mir zur Verfügung stehenden Kraft am Steuerknüppel
reiße, weiß ich, jetzt ist das ganze nur noch eine Frage der
Mathematik. Entweder schaffen wir es oder nicht, und
niemand kann noch etwas tun. Wir gehen hoch, rascher
jetzt, aber das Gebäude ist wirklich nah, und natürlich
steht obendrauf eine lange Antenne. Es hängt jetzt an
einem seidenen Faden, ob wir es schaffen oder nicht,
in jedem Fall wird es sehr knapp.

Styles Sass, aus: Mehr als diese wenigen Tage (edition solitude)
 


 
 
Karen Duve
zu: Rendezvous
Kirsten Krüger ::::::::
::::::::::: Karen Duve
 

Kirsten Krüger
Rendezvous

Er wollte ihr nachlaufen, aber schon nach wenigen Schritten stolperte er über eine Wurzel und fiel ins Moos. Dort blieber in ergebener Verzweiflung liegen. Der Puls kopfte in seinem Hals und rauschte in seinen Ohren. Ihm war, als würde er jetzt selbst zu einem dieser wurmzerfressenen, leise knackenden Baumstümpfe, die hier überall herumstanden. Vor seinem Gesicht bog sich ein verzweigter Wiesenhalm, in dem sich Tautropfen gesammelt hatten. Selbst in diesem diffusen Licht glitzerten sie wie ein Kronleuchter. Ein großes Spinnennetz hing zwischen einem Gestrüpp und der Baumwurzel, die ihn zu Fall gebracht hatte, und zitterte leicht. Noch etwas anderes hatte seinen Sturz aufgeschreckt. Zuerst hörte er ein kaum wahnehmbares Knistern neben seinem rechten Ohr, dann tippte es an seinen Wangenknochen, schob sich höher und noch höher und tastete sich zärtlich auf sein Gesicht.
Karen Duve

 
 
 
Bettina Meyer
Form I
Hendrik Rost ::::::::::
:::::::::: Bettina Meyer
Beatrix Haustein :::::::
Hendrik Rost
Beatrix Haustein

 
WIR SPRECHEN NICHT MEHR
ÜBER UNSEREN SCHLAF. wir liegen nackt
in unserem leeren raum.
die telefonkabel sind fest
um unser haus geschnürt.
wir wissen nicht wie wir uns
erreichen können.
wir haben nacht. wir haben
keine fenster. nur eine lampe.
manchmal nehme ich die lampe
und helle dein gesicht auf.
ich versuche es zu berühren
aber ich komme nicht an.
wir haben aufgehört über
unseren schlaf zu sprechen.
über unsere müdigkeit. wir hören
die Schneeflocken krachen.
wir sind müde vom schlaf aber unsere augen
gehen weiterhin rückwärts.
jeder von uns sitzt sich selbst gegenüber
und versucht ineinander zu schauen.
nur während du schläfst frage ich dich
ob du mein geschlecht berühren könntest.
wir fragen nicht mehr
warum wir müde sind.
wir drücken unsere augen aus
und trinken.

Beatrix Haustein

form und geformtes decken sich
wie linke und rechte hand überein
andergelegt gleich sind aber die dinge

von der anderen seite begreifen der
    torso ist seine restschönheit nur noch
das hohle einer form die alles an sich

hatte gesicht, brust und den körper
    einer kraft die über unsere sprache hinaus
geht wie einsamkeit keine metaphern

hat nur nüchterne Verkörperungen
    vor denen uns bleibt sie auszu
malen mit anekdotischem wie so oft

geübt bis die figur sich wieder mit
    den erwartungen deckt und uns
dem versichert was nicht zu sehen ist

Hendrik Rost


 
 
 
Matthias Hammer
Bär und Katze
Matthias Hammer :::::::
:::::::: Karen Duve
Karen Duve
aus: 
Weihachten mit Thomas Müller
............................................................
Sie schwiegen wieder eine Weile, bis der Bär Thomas Müller die Katze noch einmal fragte: »Wie ist denn jetzt dein Name?«
»Nenn mich Panther. Panther, Kaiser über alle Wanderkatzen.«
»Oh, Sandra Kaiser, das ist aber ein schöner Name«, sagte Thomas Müller, der immer noch Wasser in den Ohren hatte.
Die Katze seufzte, fand es aber unter ihrer Würde, das Mißverständnis aufzuklären. »Warum sitzt du hier eigentlich«, fragte sie.
»Ich bin verlorengegangen. Aus Versehen. So etwas kann schon mal passieren. Aber bald kommt jemand, um mich zu holen. Du wirst sehen, es dauert nicht mehr lange.“

Karen Duve, aus: Weihnachten mit Thomas Müller


 
 
 
Alexej Schipenko
Zuhause
Beate Daniel ::::::::::::
 :::::::::::: Alexej Schipenko
Judith Gaida :::::::::::::
Beate Daniel
Schöner Wohnen
Judith Gaida

 
 

Judith Gaida
 


Judith Gaida

ZUHAUSE

sie sind nett
zuhause sie sind
nett zuhause
sie sind
nett zuhause sie sind
gut
zuhause sie sind gut zuhause sie sind gut zuhause
sie sind gut
zuhause
sie sind schön zuhause sie sind schön zuhause sie sind schön zuhause sie
sind geil
zuhause sie sind geil zuhause
sie sind geil
ama looser baby why don't you kill me
zuhause

 

WOHNEN

zuhause
liegt eine leiche
zuhause liegt eine leiche
zuhause liegt eine leiche
das bin ich &
noch eine leiche liegt noch eine leiche liegt noch eine leiche noch eine
leiche
und noch eine leiche
das bin ich &
my beautiful wife &
my beautiful friend &
my beautiful dog &
my beautiful car &
my beautiful horse (without head) &
my beautiful me &
noch eine leiche & noch eine leiche & noch eine leiche & noch eine leiche
&
noch
&
gestern nacht bin ich geflogen und haben von oben mein haus gesehen
da liegt eine leiche
wem gehört das

Alexej Schipenko
Beate Daniel
 
 

Beate Daniel

 
 
 
Konstantin Lange
Reifen
Konstantin Lange :::::::::
:::::::: Karen Duve
Karen Duve

 
Wenn man Leben als Gefahr und Bewegung
definiert, dann lebt er aus vollen Kräften. Er besitzt
ein bösartig aussehendes Auto, einen roten
Mercedes voller Spoiler und mit lächerlich breiten
Reifen. Er entschuldigt sich immer dafür und sagt,
er habe den Mercedes nur deswegen so
zugerichtet, weil ein Fotograf halt ein schnelles
Auto brauche. Die Welt stürzt sich ihm mit 220km/h
entgegen. Kaninchen und Dachse markiert er mit
dem Profil seiner Reifen. Kann er links nicht
überholen, reißt er das Lenkrad ganz nach rechts
und nimmt die Standspur. Die Bremse tippt er nicht
mal an. Dann prasselte Rollsplit auf die
Windschutzscheibe, Grassoden fliegen, Beifahrer
schreien.

„Nicht schreien", sagt er, während er sich wieder
auf die Überholspur einfädelt, „Die Toten werden
erst am Schluß gezählt".

Karen Duve

 
 
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